Joey Skaggs' genialer Aprilscherz entlarvt die Medien – seit 40 Jahren
Anna SchmittJoey Skaggs' genialer Aprilscherz entlarvt die Medien – seit 40 Jahren
Seit fast vier Jahrzehnten narrt der Künstler Joey Skaggs die New Yorker Medien mit einem jährlichen Aprilscherz-Umzug, der in Wahrheit gar nicht stattfindet. Jedes Jahr verschickt er aufwendig gestaltete Pressemitteilungen, in denen er Reporter, Fotografen und sogar Schulkapellen einlädt, sich entlang der Fifth Avenue zu versammeln. Der Streich spielt mit der Bereitschaft der Öffentlichkeit, Außergewöhnliches zu glauben – und mit der Gier der Medien, darüber zu berichten.
Diesmal lockte die erfundene Veranstaltung mit einem Auftritt eines "Präsidenten", der Vorführung eines "Melania-Mockumentary" und einer Lesung der geschwärzten Namen aus den Jeffrey-Epstein-Akten. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, sich zu fragen: "Was ist real – und was nicht?"
Skaggs startete seine Aprilscherz-Tradition 1986 und nutzt die Medien als seine "Leinwand", um zu erforschen, warum Menschen bestimmten Geschichten Glauben schenken. Frühere Themen waren unter anderem ein Donald-Trump-Doppelgänger-Wettbewerb und eine Y2K-Weltuntergangsparty. Trotz großspuriger Ankündigungen fand jedoch nie ein Umzug in großem Stil statt.
Sein Ansatz steht in einer langen Tradition spektakulärer Scherze. 1938 löste Orson Welles' Hörspiel Krieg der Welten landesweite Panik aus, indem es eine fiktive Alien-Invasion beschreib. Der BBC-Streich von 1957 über Spaghetti-Bäume, die angeblich von Schweizer Bauern "geerntet" wurden, täuschte die Zuschauer. In jüngerer Zeit hielten Burger Kings Werbung für den "Linkshänder-Whopper" (1998) und Googles jährliche Aprilscherz-Technologiegags – wie die gefälschte Gmail-Einführung 2004 – die Tradition am Leben.
Skaggs ist mit seiner Kunst nicht allein. 1985 veröffentlichte Sports Illustrated eine Geschichte über Hayden "Sidd" Finch, einen angeblichen Pitching-Talent der Mets, der trotz fehlender Baseball-Erfahrung 168 Meilen pro Stunde warf. Der von George Plimpton verfasste Artikel enthielt Zitate des Mets-Coachs Mel Stottlemyre, der Finchs "revolutionäre" Technik lobte. Erst nach der Veröffentlichung am 1. April wurde der Scherz enthüllt – nachdem die Leser bereits auf den Leim gegangen waren.
Sogar Musiker machten mit. 1998 veranstaltete David Bowie eine Party für einen erfundenen Verlag und präsentierte den nicht existierenden britischen Schriftsteller William Boyd. Boyd schrieb später in einem Essay von 2011, wie leicht die Menschen die erfundene Geschichte akzeptierten.
Skaggs' Umzug soll die Menschen "wieder mit ihrer angeborenen Torheit in Kontakt bringen" und das Lachen als Herausforderung für Autoritäten feiern. Indem er die Medien einlädt, über ein Nicht-Ereignis zu berichten, zeigt er, wie schnell sich Informationen verbreiten – und wie selten sie hinterfragt werden.
Jahr für Jahr gelingt Skaggs' Umzugs-Streich, weil Reporter, Kapellen und Zuschauer mit der Erwartung eines Spektakels auftauchen. Der Scherz offenbart dabei ebenso viel über Mediengewohnheiten wie über das öffentliche Vertrauen. Mit jedem 1. April verschwimmt die Grenze zwischen Fakt und Fiktion ein wenig mehr – und beweist, dass der größte Witz manchmal darin besteht, wie ernst die Menschen die Nachrichten nehmen.






